An die Ungetreue

Dort auf jenes Berges Rücken

Steht der heilgen Mutter Bild,

Reinheit strahlt aus ihren Blicken,

Und das Kindlein lächelt mild.

Wenn der Landmann nach den Mühen

Des Tages heim nach Neustift eilt,

Bleibt er vor der Säule knien,

Wo er andachtsvoll verweilt;

Dann zieht er gestärket weiter

Hin nach seinem niedern Haus,

Und daß ihm die Seele heiter,

Sprechen seine Blicke aus.

Oh! so stand auch ich beglücket

Einst an dieser Säule Fuß,

Dort hat mich ihr Schwur entzücket,

Damals glaubt ich ihrem Kuß.

Hier vor deinem Gnadenbilde

Haben wir uns treu verlobt,

Tugend wählten wir zum Schilde,

Unsere Liebe war erprobt.

Ewig schwuren wir uns zu lieben,

Und dein Bild hat sie berührt,

Betend ist sie stehn geblieben,

Oh, wie war ich da gerührt.

Hand in Hand sind wir gegangen,

Einsam kehre ich zurück,

Es war irdisches Verlangen,

Und im Staub zerfiel mein Glück.

Darum bin ich auch gekommen

Zu dir in des Abends Strahl,

Alles hat man mir genommen,

Allein bin ich mit meiner Qual.

Neidisch seh ich dort die Sonne

In ihr Grab hinuntergehn,

Denn zu sterben war mir Wonne,

Um sie nimmermehr zu sehn.

Treulos hat sie sich gewendet,

Und du hast es angesehn?

Keinen Engel ihr gesendet,

Die dir dort zur Seite stehn?

Hast du es denn nicht beweinet,

Daß dir eine Tochter fiel?

Hast die Herzen uns vereinet

Und verlassest uns am Ziel?

Oder ist er ihr erschienen,

Und sie hat ihn nicht gehört,

Will sie denn der Hölle dienen,

Daß sie einen Meineid schwört?

 

von Ferdinand Raimund

An Löwen

Wer lebte einst, und ist noch jetzt geehrt?

Wer lebt noch jetzt, und wird es einstens sein,

Ders wirklich auch verdient, daß sichs die Welt

Erzählt, daß er gelebt? Gewiß nur der:

Der unermüdet stets nach Wahrheit strebt

In jeglichem Geschäft; der forschend, kühn,

Des Lebens große Fragen an sie stellt

Und nicht erbebt, wenn sie ihr Götterhaupt

Bei mancher Hoffnung, die er glühend nährt,

Oft unerbittlich streng verneinend schüttelt!

Der seines Schicksals Auftrag ganz vollbringt

Und nicht erglänzt, Vollbringung nur erheuchelnd,

Bis ihn die Welt auf dem Betrug ertappt!

Dies ist ein Mann! ein Künstler! Was es sei!

Wert! daß das Leben ihn willkommen heiße,

Und so bist du! So hab ich dich erkannt!

Im Glanz der mächtgen Wahrheit bist du mir

Erschienen. Wahrhaft Edles hast du mir

Vors Aug gerückt, drum ehr ich wahrhaft dich

Und bring dir Dank für so viel schöne Stunden,

Die ich im Anblick meiner Göttin hab

Durchschwelgt. O möchte dir das Leben auch

Des wahren Glückes Friedenspalme reichen,

Du hasts verdient, du förderst seinen Ruhm,

Weil echte Kunst das Leben stets verschönert;

Und glaube mir, es ist nicht undankbar!

Die Kunst hat bei dem Leben viel voraus,

Sie soll nicht wahr sein bloß, sie darf es auch!

Wie oft hat Wahrheit Haß nicht im Gefolge,

Der Künstler nur wird stets durch sie geliebt!

 

Wien, am 20. November 1834.

Ferdinand Raimund

Ob anders mich als einsam sieht

Einsam bin ich selber in der Menge,

Streb ich gleich zu sein, wo Menschen weilen,

Einsam selbst im wildesten Gedränge,

Wer soll Lust, wer Freuden mit mir teilen?

Fremd sind die bekanntesten Gestalten

Mir geworden, seit du von mir fern,

Schmerz allein und Gram und Trübsinn walten,

Weil ich stets sie pflege, bei mir gern.

Sie umschmeicheln mich, doch ach! sie haben

Meine Ruh auf immer untergraben:

Schlaue Diener zwingen sie den Herrn.

Dich vergessen! könnt ichs! nicht erinnern,

Wie du alles, alles mir gewesen.

Muß ich nicht in meinem trüben Innern

Wie im aufgeschlagnen Buche lesen?

Leb ich nicht allein in jenen Tagen,

Wo du mein warst, ich vor allen dein;

Als ich nie geglaubt, daß Leid und Plagen

Könnten auf der Erde möglich sein.

Frage nicht mehr, wie ich dich besessen

Für das Leben – nie kann ichs vergessen:

So in deinen Himmeln, denke mein.

Wenn ich nicht der Linden Rauschen höre,

Nicht des Grases Lispeln durch den Wind,

Wenn der kleinen Sänger Freudenchöre

Längst verstummet meinem Ohre sind;

Wirst du dann bei Lesung dieser Zeilen,

Die hier aufgezeichnet Freundeshand,

Sanft gerührt ein wenig nur verweilen, Sprechend:

„Ach! Auch diesen hab ich einst gekannt!??“

Reisen Sie glücklich, vielleicht finden Sie dort,

was ich hier vergebens suche ––––– Ruhe.

 

Wien, den 12. März 1834



An Gutenstein

So schau ich dich im Frühlingsschein,

Du mein geliebtes Gutenstein,

Und durch bedeutungsvolle Zahl

Begrüß ich dich nun siebenmal.

Die Welt, so alt sie immer sei,

An Trug und Täuschung bleibt sie neu,

Und edle Wahrheit thronet nur

Im Herzen kräftiger Natur.

Vertrauen ist ein muntrer Wandersmann,

Oft klimmt er froh den Berg hinan

Und fragt: Ist hier die feste Burg der Treue?

Da tönts zurück: Hier findest du die Reue!

Weil mein Gemüt nun auch zu solchem Los geboren,

So hab ich dich zu meiner Braut erkoren,

Du mein geliebtes Gutenstein.

Hier will ich oft des Beifalls Rauschen

Mit der bescheidenen Stille tauschen

In deines Tales dunklem Hain.

Hier will ich all mein Glutverlangen

Kühlen an den blühnden Wangen

Deiner üppigen Flur

Und an deinem holden Busen

Suchen dann der flüchtgen Musen

Kunstgeweihte Spur.

Hoch auf des Klosterberges Gipfel,

Wo unter dunkler Tannen Wipfel

Die heiige Wallfahrtskirche steht,

Wo der Sturm gebietrisch weht,

Daß mit ehrfurchtsvollem Schweigen

Sich die stolzen Tannen neigen

Vor dem hehren Gnadenbilde,

Das dort strahlt in Himmelsmilde,

Wo, noch immer nicht des eisgen Diadems beraubt,

Der Schneeberg kühn sein königliches Haupt

Hoch über Ostreichs Berge streckt,

Wo all dies Hohe zur Begeistrung weckt:

Dort will ich sinnen über Erdenfreuden,

Will schnell den Traum in Worte kleiden,

Bunten Wechsel in des Menschen Leben,

Leiden, Dulden, Widerstreben,

Des Geschickes Zauberwalten

Will zum Werke ich gestalten.

Und wenn, was ich auf deinen Bergen sang,

Der Städter heitre Gunst errang,

Sind alle Blümchen, die ihr Lob mir streut,

Dir, meiner süßen Braut, geweiht.

Auf deine Höhn will all mein Glück ich tragen,

Nur deinen Klüften will ich mein Geheimnis sagen,

In deine Bäche meine Tränen weinen,

Mit ihren Wellen meinen Gram vereinen.

So halt ich fest an meiner frommen Liebe.

Des Neids, der Eifersucht gemeine Triebe

Können niemals dieses Bündnis enden.

Denn buhlst du auch mit Elementen,

Wie darf ich Erdenwurm es wagen,

Der Schöpfung Triebe anzuklagen!

Darf ich rechten mit dem Blitz, der aus Donnerwolken zückt

Und den glühenden Kuß auf deine Felsenlippen drückt?

Darf ich wohl den Strom beneiden, daß er deine Adern kühlt,

Oder mit dem Westwind grollen, der um deinen Nacken spielt,

Mit den Hirtenliedern, die auf deinen Alpen klingen,

Mit den Nachtigallen, die in deinen Wäldern singen,

Mit dem Morgen, weil er dir so freundlich lacht,

Mit dem Abend, weil er dich erröten macht,

Mit der Sonn, weil sie ins Äug dir schaut mit Liebesglut,

Mit dem Mondlicht, weil es nachts in deinen Armen ruht,

Mit dem Echo, weils in deinen Bergen haust,

Mit dem Sturm, weil er in deinen Locken braust?

Und soll ich endlich die Natur beneiden,

Die reiche Quelle aller Lebensfreuden,

Weil sie als treuer Gatte dich beglückt

Und mit dir zeugt, was mich entzückt?

Nein, danken muß ich dieser Himmelskraft,

Womit sie so viel Herrliches erschafft.

So will, geliebte Braut, ichs mit der Treue halten,

Dich laß ich mit Natur, du mit der Kunst mich schalten.

Euch beiden weih ich Lieb, all meinen Freunden Dankbarkeit,

Dem Himmel meinen Geist und meinen Leib der Zeit.

Und schließt die Kunst mich einst aus ihrem Tempel aus,

Verbirg mein graues Haupt in deinem grünen Haus.

Dann mag sich meine Lebenssonne neigen,

Dann will ich in dein kühles Brautbett steigen,

In deinem Schoß ruh mein Gebein,

Mein Grabmal sei in Gutenstein!




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